VON EINEM DER EINZOG DAS FÜRCHTEN ZU LEHREN!
aus Wagendorf, der freien Wissensdatenbank
Autor: Chicken Veröffentlicht: Tue, 09-Aug-2005
Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit, da kamen einige junge Menschen auf den Gedanken, sie könnten ihr Leben anders gestalten.
Von einem der einzog das Fürchten zu lehren!
Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit, da kamen einige junge Menschen auf den Gedanken, sie könnten ihr Leben anders gestalten. Sie wollten anders leben als die Generation der Eltern, um dem eigenen ökologischen, sozialen und kulturellen Anspruch gerecht zu werden. Sie bauten sich ein Dorf, für sich und andere. Es entstand in einer Zahnlücke der städtischen Bebauung, im Jahre 1982 – ein Wagendorf. Die Bewohner der bunten Bau- und Zirkuswagen sind alternative Künstler, kulturell engagiert, und sie haben sich das Jahr der Dokumenta zur Dorfgründung ausgesucht. So lebten sie einige Jahre in ihrem Dorf, von den einen bewundert, von den anderen verschmäht.
Es kam aber die Zeit, in der waren sie in großer Not. Viele Wagendörfer waren in der Zwischenzeit im Märchenland entstanden, alle kannten sich untereinander. Aber – wo sich viele Menschen untereinander kennen und wo andererseits viel Argwohn herrscht, da kommt es zu Spannungen. Und so waren alle Dörfer bedroht. Sie wurden bekämpft, geächtet und vielfach dem Erdboden gleichgemacht. „Räumung“ nennen dies die Stadtschreiber, wenn mit der Kraft von Baggerschaufeln, Raupen und Abschleppwagen aus den bewohnten Freiräumen Bewohner und Behausungen herausradiert werden, damit der städtische Zahnarzt die Lücken sogleich verfüllen kann.
Unsere Bewohner hatten Angst, auch Ihnen sollte dieses Schicksal zuteil werden. Gerade ein Jahr zuvor, im Jahr 1997, war es ihren Freunden auf einem benachbarten Grundstück ebenso ergangen. Früh morgens kämpften sich damals die bedrohlichen Maschinen durch ein grünes Dickicht aus Menschen zu der Brutstätte des Widerstandes und vollzogen uneinsichtig und erbarmungslos ihren Auftrag. Diese Szene wollten sich unsere Dorfbewohner ersparen – ein für alle Mal. Und so suchten sie nach einer neuen Lücke in der Häuserlandschaft, wurden fündig am Kasseler Hafen, mieteten die Fläche und vollzogen den Umzug.
Drei Jahre lang lebten sie in Frieden auf dem Gelände, konnten ihrem Tagewerk nachgehen und hatten viel Freude an dem Platz. Besucher kamen von anderen Wagendörfern, sie fühlten sich wohl. Kassel wurde zum beliebten Ruhepol für Wagenbewohner, die auf dem Weg durch die Lande, der Sonne entgegen oder zum blauen Meer, an dieser Stätte des Friedens entlangstreiften. Die Gruppe vergrößerte und veränderte sich, sie paßte sich dem Ort an, auch Kinder wurden geboren.
Eines Tages aber erschienen Unbekannte auf dem Grundstück. Sie inspizierten die Flächen und Gebäude des Hafengeländes, zeigten Kaufabsichten und vollzogen den Kauf, signalisierten aber gleichzeitig kein Interesse daran, dass die bunte Oase nebenan weiter existiere. Der Wasserhahn wurde abgedreht und die Zufahrt verweigert.
Es folgten drei Jahre, in denen die Dörfler nicht müde wurden, ihre friedlichen Absichten zu erklären, den neuen Nachbarn und die in der Stadt residierenden Fürsten zu bezirzen und eine Lösung herbeizusuchen. Sie ließen den Stadtchronisten wissen, wenn es Neuigkeiten gab, damit die Nachrichten verbreitet würden und in aller Munde sei. Auch sponnen sie so manches Netz aus Informanten, indem sie in geschickter Weise mit Beratern und Verhandlungspartnern der Fürsten Kontakt pflegten. Sie traten ein in das Tor der Diplomatie, doch all das zeigte keine Wirkung. Die Fürsten ließen sich auch keine Vorgaben machen von den Beschlüssen im Ständehaus.
Nach und nach zeigte das Handeln Wirkung. Nicht dass sie die Fürsten überzeugt hätten, vielmehr waren sie ihnen lästig geworden, sie störten sie wie die Fliegen bei der Mahlzeit. So versuchten sie die Wagenbewohner anzufüttern, indem sie Gespräche mit ihnen führten, um selber wieder in ein gutes Licht zu kommen.
Zu jener Zeit war es, da besuchte die Wagenbewohner ein seltsamer Geselle. Weder der Art noch dem Wesen nach war er ein Wagenbewohner, wie man ihn sich vorstellen mag. Und doch zeigte er Interesse daran, eine Zeit lang im Wagen zu wohnen. Er stellte sich dem Wagendorf vor und erklärte seine Absicht. Er sei Journalist, habe in mühsamer Arbeit schon manche Korruption und Bestechung aufgedeckt. Auf eine Sache gestoßen sei er und wolle nun den Dingen nachgehen. Es handele sich um den Verkauf des Hafengeländes, einst Eigentum des Landes. Die Wagenbewohner gewährten dem Fremden eine Bleibe im Gästewagen. Die Gruppe gefiel ihm und er brachte sich gerne mit ein.
Alle Seiten waren traurig, als er nach gut einem Jahr weiterzog. Dem Gesellen war inzwischen das Hemde durchgescheuert und der Magen geschwunden, und die Abfassung seiner Erkenntnisse war eine Notwendigkeit. Ein rauschendes Fest wurde zum Abschied gefeiert und er versprach, dass er dem Wagendorf und seinen Bewohnern für diese schöne Zeit immer dankbar sein werde.
Bei den Gesprächen mit den Fürsten war bald der Punkt erreicht, an dem sie den Dörflern ein Grundstück hätten genehmigen müssen. Da ein ernsthaftes Interesse aber nie vorhanden war, wurde den Dörflern bald verdeutlicht, dass es keine Möglichkeit gäbe. Das Tor der Gespräche schloß sich und die Fürsten hofften, die unliebsamen Untertanen verlören bald die Lust. Und in der Tat wurde das Leben im Wagendorf immer unerträglicher, es gab keine Zufahrt mehr, alles mußte von Hand herangeschafft werden. Schon im Frühjahr machten sich die Bewohner Sorgen, wie sie den nächsten Winter überstehen sollen.
Den Wagenbewohnern war das Ansinnen der Fürsten in den Gesprächen nicht entgangen. Immer wieder hatten sie die Stadtchronisten informiert und dafür gesorgt, dass der Stand der Dinge bekannt sei. Auch ihr Netzwerk hatten sie verfeinert. Die Boten erinnerten die Fürsten wie permanent rieselnde Sandkörner an das Wagendorf. Aus diesem Netzwerk gelangten auch zunehmend geheime Nachrichten ins Wagendorf. Die Dörfler lernten die Sprache der Fürsten und wußten, welche Büttel gerade unter den fürstlichen Anweisungen litten und für ihre Zwecke nutzbringend sein konnten. Das Geflecht legte sich um die Hälse der Fürsten, es wankte an ihren Zeptern und zerrte am Tischtuch.
In dieser Situation faßten die Dörfler einen Beschluß. Sie wollten zeigen, dass es Zahnlücken gibt, in denen sie mit ihrem Dorf in Ruhe wohnen, Kultur darbieten und in Frieden mit der Nachbarschaft leben können. Sie zogen kurzerhand um, begleitet von Freunden anderer Wagendörfer, die zum Umzugsfest an die Fulda gekommen waren.
Die Fürsten erfuhren von alledem erst von ihren Berichterstattern und zeigten sich höchst erregt darüber, dass sie bei dieser Entscheidung übergangen worden seien. Sie forderten den Abzug und drohten mit einer Räumung. Das Wagendorf hingegen feierte acht Tage und acht Nächte den Umzug mit allerhand Kulturveranstaltungen und täglich wechselndem Speisenangebot. Auch fanden Tage der Offenen Tür statt, und es kamen viele Anwohner.
Alsbald merkten die Fürsten, dass sie sich selbst in Zugzwang mit ihrer Forderung gebracht hatten, weil mit jeder Veranstaltung im Wagendorf der Rückhalt bei den Anwohnern besser wurde. Das Wagendorf war fester im Sattel als je zuvor, das Ansehen der Fürsten hingegen war gefährdet. Mit Hochdruck arbeiteten sie an einer möglichen Lösung. Keinesfalls wollten sie dabei den Eindruck erwecken, sie seien eingeknickt vor dem bunten Wagendorf.
Am letzten Tag der Feierlichkeiten kam endlich auch, freundlich und freudig erwartet, der Geselle mit der journalistischen Feder. Er freute sich mit seinen kurzzeitigen Mitbewohnern, die er gerade in der Entfernung um so mehr ins Herz geschlossen hatte. Sein Bericht war fertig, er verglich die Entdeckungen mit der Sprengkraft von Schwarzpulver. Nur ein paar Zeilen und Beweise würden genügen, um das Geflecht der Fürsten mit ihren Machenschaften aufzudecken und ihre Autorität in Frage zu stellen. Weil er aber so viel Dankbarkeit für die Zeit im Wagendorf verspürte, übergab er den Bericht seinen Freunden. Er bat sie, die Sprache der Fürsten zu sprechen, um ihnen das Fürchten zu lehren. Er habe nicht die Absicht, mit diesem Bericht Geld zu verdienen, denn dann würden diese Fürsten gehen und die nächsten kommen, der Verbleib des Wagendorfes sei aber weiter ungeklärt.
Die Bewohner ließen den Fürsten einflüstern, dass sie Informationen in der Hand haben, die ihren Bund sprengen können, und sie ließen beispielhaft zwei Begebenheiten übermitteln, die in der Chronik verschwiegen wurden. Die Stadtfürsten aber sendeten Boten aus und besprachen die Dinge mit den Adelsbünden im Lande. Alle schätzten die Lage als bedrohlich ein.
Am zwölften Tage des Umzugs endete die Frist, die die Stadtfürsten dem bunten Wagendorf gesetzt hatten. Just an diesem Tag wurden Boten in das bunte Dorf entsandt, um ein geheimes Gespräch zu führen. Als Vorhut sendete man grüne Geschöpfe, die befugt waren, die Namen mit denen in der Chronik abzugleichen. Das Vorgehen zeugte von großer Angst gepaart mit dem Versuch, Stärke zu demonstrieren. Anwohner setzten sich für das Wagendorf ein, denn unter dem Eindruck der Geschehnisse befürchteten sie schlimmes.
Das Gespräch fand schließlich statt. Niemand sollte davon erfahren, denn offiziell war verlautbart worden, man spreche erst mit den Bewohnern, wenn das Grundstück verlassen sei. Es war das Gebäude der wahrhaften Politik, das die Dörfler nun betreten hatten, in dem die Inschrift „Demokratie“, eingelassen in den roten Teppich, täglich mit Füßen getreten wurde. Ein Grundstück wurde dem Wagendorf angeboten, das sie haben können. Die genauen Bedingungen seien noch auszuhandeln, aber diese Verhandlungen werden offiziell und schriftlich erst nach dem Abzug durchgeführt. Bis dahin werde auch das Vorgehen der Stadt gegen die Bewohner nicht gestoppt. Das Gesicht müsse gewahrt bleiben. Die Alternative sei eine Räumung, erklärten die Boten der Fürsten, das Angebot ein langfristiger Vertrag, der so lange nicht gekündigt werde, wie die Informationen über das Herrschergeflecht nicht nach außen treten würde.
Die bunten Wagenleute begutachteten das Grundstück und stellten fest, dass man es als Wagendorf einrichten kann. Vom Nordstadtkiez um die Ecke haben viele geträumt, seitdem sie aus der Nordstadt umgezogen sind an den Hafen. Eine Garage befindet sich auf der Fläche, in der wohl hin und wieder sinnierende Menschen ihr Nachtlager aufgeschlagen haben. An der Wand ist ein Spruch hinterlassen:
Dies Leben ist wie ein Schiffbruch -
wenn Du es nicht schaffst Dir eine Insel zu erschaffen wirst Du untergehen!
Auch wenn das Grundstück nicht von allen das Wunschgrundstück ist, gibt es kein Veto, das dem Umzug im Wege steht. Mit Drohung und Taktik auf beiden Seiten werden die Bedingungen festgezurrt und Ehrenworte machen die Runde. Es folgen die freiwillige Räumung und die offiziellen Verhandlungen.
Am Tag des Umzugs auf die neue Fläche wird wiederum ein rauschendes Fest gefeiert. Auch diesmal dauert es mehrere Tage. Viele neue Freunde sind bei der Feier dabei, denn das Wagendorf hat die Anwohner auf der Übergangsfläche von ihrem Lebensgefühl überzeugt. Die letzte Festwoche ist gerade vor zwei Wochen zu Ende gegangen!
Drei Jahre haben die Bewohner gekämpft und die Tür für Gespräche offen gehalten. Sie haben den Weg der Demokratie, der ihnen so wichtig ist, in den Verhandlungen mit den fürstlichen Vertretern verlassen, um ihr Ziel zu erreichen. Sie haben das Spiel mitgespielt, haben gepokert und gewonnen. Die Fläche ist nicht vergleichbar mit dem Hafen, und die Gruppe wird sich entsprechend verändern. Wichtig aber ist, dass es in allen Städten Wagenplätze gibt, die allesamt Anlaufstellen sind und unterschiedliche Möglichkeiten bieten. So kann diese Bewegung leben!
Die Bewohner des Wagenplatzes in Kassel wissen aber auch, dass es in vielen anderen Städten Freunde gibt, denen der Boden unter den Rädern fehlt oder entzogen werden soll. Die Dankbarkeit, dass dem Kasseler Wagendorf auch von Freunden von Außerhalb geholfen wurde, wiegt tief und verbindet.
So endet nun das Märchen. In Wirklichkeit hat sich alles ganz anders zugetragen. In Wirklichkeit liegt die besagte Fläche in der Kasseler Nordstadt noch immer brach. Anstatt die alternative Wohnform mitsamt der kulturellen Schaffenskraft der Bewohner als Bereicherung der Fuldastadt anzuerkennen und zu fördern, bedienen sich weite Teile der politisch Verantwortlichen der Vorurteile und undifferenzierten Behauptungen und arbeiten gegen ein wichtiges Stück städtischer Kultur.
Ein Bestandteil des Märchens entspricht übrigens der Wahrheit. Den Spruch in der Garage gibt es wirklich. Die Fläche hätte das Zeug dazu, eine Insel zu werden, auf der man nicht untergeht. Während der Spruch hier seine Spuren hinterlassen würde, könnten die Worte durch den Raum fliegen und sich einen neuen Platz suchen.
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